Aus dem Text

Katharina und Gerhard Bott (Hrsg.)

ViceVersa: Deutsche Maler in Amerika – Amerikanische Maler in Deutschland, 1813-1913


Peter C. Merrill
Aus Deutschland eingewanderte Künstler in Amerika: ein Überblick

Die im neunzehnten Jahrhundert auf ihren höchsten Stand angeschwollene deutsche Einwanderungswelle bescherte Amerika einen beachtlichen Zustrom von gut ausgebildeten professionellen Künstlern aus dem deutschsprachigen mitteleuropäischen Raum. Nach heutiger Schätzung waren es wohl über eintausenddreihundert solcher Künstler mit einer nach Art und Ausmaß recht unterschiedlichen fachlichen Ausbildung, die zwischen 1813 und 1913 in die Vereinigtenstaaten einwanderten. Auf der höchsten Stufe standen die akademisch ausgebildeten Künstler, Absolventen der Akademien von Düsseldorf, München, Berlin, Karlsruhe, Weimar, Dresden, Wien und anderen europäischen Kunstzentren, gefolgt von den Künstlern, die ihren Beruf als Autodidakten erlernt hatten und von denen sich viele nach ihrer Ankunft in Amerika weiterzubilden suchten oder sogar zu weiteren Studien nach Europa zurückkehrten. Daneben gab es eine Menge von fachlich geschulten Lithographen und Stechern, die in der Regel ihren Beruf als Lehrlinge in einer deutschen Firma von Grund auf gelernt hatten. Der Einfluss dieser praxisnahen Handwerker auf die Entwicklung der amerikanischen Kunst im letzten Jahrhundert wird nur allzu leicht unterschätzt, wie man ja auch die Bedeutung der vielen autodidaktisch ausgebildeten eingewanderten Künstler gern unterbewertet.

In dem folgenden Überblick stelle ich eine Auswahl von deutschen Künstlern vor, die während des letzten Jahrhunderts nach Amerika einwanderten. Dabei habe ich Maler in den Brennpunkt des Interesses gerückt, die ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten aus Europa mitbrachten, während die vielen Künstler, die als Kinder mit ihren Eltern nach Amerika kamen und ihre Fachkenntnisse erst als Erwachsene in den USA erwarben, nicht berücksichtigt wurden. Auch habe ich die vielen amerikanischen Künstler nicht einbezogen, die als Kinder von deutschen Einwandererfamilien in den Vereinigten Staaten geboren wurden, selbst wenn viele von ihnen in den USA zunächst von deutschen eingewanderten Lehrern unterrichtet wurden und sich später an Kunstakademien in Europa weiterbildeten.

Bei der Gliederung dieses Überblicks möchte ich die Aufmerksamkeit auf bestimmte regionale Kunstzentren in Amerika richten, in denen sich eine spezifisch deutsch-amerikanische Tradition entwickelte. Gleichzeitig hielt ich es für sinnvoll, die Künstler nach typologischen, statt nach regionalen
Kriterien zu klassifizieren. So bilden die topographisch und ethnographisch interessierten Künstler, die zu den frühesten Erforschern des Grenzlands im Westen gehörten, zum Beispiel eine deutlich unterschiedene Kategorie innerhalb der Gruppe der deutschen Immigranten-Künstler in Amerika.

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