Aus dem Text

Stasi-City

Interview mit Jane und Louise Wilson, geführt von Raimund Kummer
 

K Zu den Motiven, die sich immer wieder durch all eure Arbeiten ziehen, gehören verlassene Innenräume. Aber eure neue Installation scheint ein so starkes Element filmischer Erzählung nicht heraufzubeschwören?

J & L Nun, eigentlich hat sie mit einer narrativen filmischen Bilderfolge nichts zu tun - mit Ausnahme einer Sequenz vielleicht, in der eine Gestalt im Raum aufgehängt ist, aber sogar das wirkt eher wie eine Performance. Doch vielleicht war ein anderer Grund, daß eine Menge des Materials bereits vorhanden war, viele Innenräume sahen vorher ja schon fast genauso aus wie in ihrem heutigen verlassenen Zustand. Bei einigen Räumen war es schwierig zu entscheiden, ob das an der Zeit oder an der Zerstörung lag, insbesondere in dem Teil des Films, den wir zum Beispiel von dem Krankenhausgebäude in Hohenschönhausen gedreht haben. So ist etwa in einem Raum eine Menge Farbe von der Decke abgeblättert und liegt nun über den ganzen Boden verstreut; daran war offensichtlich die Zeit schuld, aber in demselben Gebäude haben wir auch ein paar Aufnahmen von zerstörten Telefonen gemacht, und diese Verwüstung sah weit absichtsvoller aus und ist wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt geschehen, als die Stasi das Gebäude verließ oder damals, als es nach ihrem Verlassen des Gebäudes Leuten gelungen war, dort einzubrechen und bestimmte Dinge mitzunehmen.

K Aber kehren wir noch einmal zu dieser aufgehängten Gestalt zurück, welche Rolle würden Sie ihr zubilligen und welche Funktion hat dieser Körper im Kontext der Installation?

J & L Die Gestalt soll sich in einem Vakuum befinden, sie kann sich frei bewegen, vermag aber den Raum nicht zu verlassen. In der DDR gab es den utopischen Traum von der Raumfahrt, man konnte in den Weltraum fliegen, aber nicht nach Westberlin gelangen. Das Konzept besteht also darin, daß man Tausende und Abertausende von Kilometern nach oben fliegen, aber nicht den kleinen Ausflug nach Westberlin machen konnte, weil es da eine Mauer gab.

Im Vergleich mit allen anderen ist diese Sequenz wohl gedanklich am meisten befrachtet, aber wir wollten ein Element der Performance einführen, um das Ganze in seiner vielleicht allzu dokumentarischen Wirkung aufzubrechen. Auch wollten wir die vielen Nacharbeiten einschränken, daher wurde die Gestalt innerhalb der Grenzen des Raumes und nicht vor einer Bluescreen gefilmt und nachträglich darüberprojiziert. Das war wiederum wichtig, weil wir bei der Identifizierung der Figur mit dem Raum eine größere Ambivalenz erzielen wollten, was auch nach einer gewissen Zeitspanne dadurch geschieht, daß sie ziemlich abstrahiert wird. Sie steht weder auf dem Boden, noch berührt sie allzu vieles in dem Raum, der weitgehend so aussieht, wie wir ihn beim ersten Mal gesehen haben. Es liegt auf der Hand, daß wir keine Löcher in die Wände bohren oder den Raum als Studio an sich benutzen konnten, daher mußten wir ein bewegliches und unabhängiges Gerüst verwenden. In einer anderen Sequenz steht die Figur auf dem Boden und hat die Aufgabe, eine verborgenen Türe zu öffnen oder in einem laufenden Paternoster zu stehen.

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