Aus dem Text

Robert Morris, Recent Felt Pieces and Drawings
 

Rosalind Krauss
Robert Morris: Soft Forms

[...] Die Welt des Tanzes, in die Morris durch seine Frau, Simone Forti, eingeführt wurde, erlebte in den späten 50-er und frühen 60-er Jahren einen radikalen Strukturwandel. In einer neuen Konzeption des Tanzes als Darstellung gewöhnlicher Alltagsbewegungen, genannt "task performance", suchte man aktiv nach einem Weg zu einer Gestik, die keinen inneren Referenzpunkt, keinen privaten mentalen Raum haben sollte. In New York hatte sich in den ihnen zur Verfügung gestellten Räumen der Judson Memorial Church eine Gruppe von Tänzern zusammengefunden, die als Wegbereiter dieses Konzepts fungierten. Ballett-Gesten, so empfand man, drücken stets eine innere Bedeutung aus: die der verdichteteten Emotionen der Musik oder des Körpers, eines unerreichbaren virtuellen Feldes, von vorgefaßten Konventionen strukturiert, entfernt vom wirklichen Raum und von der wirklichen Zeit. Der Tänzer bemüht sich normalerweise, diese Bedeutungen mit seinem Körper auszudrücken, sie nach außen zu projizieren, denn ohne sie wäre der Körper etwas Gewöhnliches, Banales, nicht mehr als der Körper des Athleten, des Arbeiters oder des Passanten auf der Straße.

Indem sie sich einen Tanz von "gewöhnlichen Alltagsbewegungen" zu eigen machten, erklärten sich die Judson-Tänzer solidarisch mit einer bestimmten Auffassung von "gewöhnlicher Alltagssprache", nämlich jener Philosophie, die die Trennung von Leib und Seele in einer behavioristischen  Schau von der Sprache auflöst. Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch, pflegten sie mit Wittgenstein zu sagen (ob sie ihn nun jemals gelesen hatten oder nicht). Zu wissen, was ein Wort bedeutet, ist also nicht gleichbedeutend mit der Tatsache, ein Bild seiner "Bedeutung" oder seines "Sinns" im Kopf zu haben, auf das man sich beziehen kann; es handelt sich hierbei vielmehr lediglich um eine Funktion der eigenen offenkundigen Fähigkeit, das Wort zu benutzen, es darzustellen. Während das angenommene Bild im Kopf ganz und gar subjektiv und privat ist, etwas, zu dem ich allein Zugang habe, ist die Verwendung des Wortes öffentlich: ich benutze es entweder korrekt oder nicht.

Diesem Geist verhaftet, glaubten die Judson-Tänzer, dass das Gehen auf der Straße, ein einfaches Sich-Beugen oder das Aufheben eines Gegenstands vom Boden als Repertoire tänzerischer Bewegungen gut und richtig wäre. Und infolge dieser Geringschätzung für das Eigenleben des "privaten mentalen Raums" bekannte sich Yvonne Rainer zur Philosophie der Alltagssprache, indem sie brutal erklärte: The Mind is a Muscle (der Titel ihrer berühmtesten Tanzschöpfung).

Dies ist der Kontext, in dem Morris Site komponierte, eine Performance, in der er als Bauarbeiter gekleidet gewöhnliche Arbeitsbewegungen durch das Verschieben schwerer Sperrholzplatten auf der Bühne ausführte. Auf den inneren mentalen Raum wird in Site verwiesen, wenn der Bauarbeiter die letzte Sperrholzplatte wegzieht und damit den Blick freigibt auf eine nackte junge Frau, die in der Pose von Manets Olympia in einer Nachahmung des Bildes in dem virtuellen Raum liegt, der sich hinter der Bildoberfläche eines traditionellen Gemäldes auftut. Aber wenn er sich auf ihn bezieht,. dann nur, um ihn abzulehnen. Da die Olympia in Site aus Fleisch und Blut besteht, verbindet sich der Körper mit dem Anti-Illusionismus, der sich allein schon in der Idee eines aus gewöhnlichen Arbeitsbewegungen bestehenden Tanzes ausdrückt, aber auch in jener Zurückhaltung des inneren Referenzpunktes und privaten mentalen Raums der Malerei, wie sie zum Manifest des Minimalismus werden sollte, sei es in Morris’ eigenem Essay Anmerkungen zur Skulptur oder Donald Judds Aufsatz Spezifische Objekte.

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