Aus dem Text

Claire Frèches-Thory & Ursula Perucchi-Petri (Hrsg.)

Die Nabis – Propheten der Moderne
 

François Fossier
Die Druckgraphik der Nabis
 

[…] «Um solch fein abgestufte Farbklänge zu finden, die eine ganze Generation entzücken sollten, muss man sich der Zeit der ‚L'Estampe Originale’ nahern. Das war die Stunde der Nabis, nun konnten sie glänzen ... Sie besaßen einen ausgeprägten Sinn für die Moderne, die ihre Werke in die Nähe der Sittenbilder eines Lautrec, Steinlen oder Veber rückt.»

In technischer und thematischer Hinsicht waren die Nabis demnach eher Erben als Pioniere. Ihre Eigenständigkeit und Originalität offenbaren sich in der Skala jener «geheimen ästhetischen Verführungen, den Harmonien aus fein abgestuften Tonwerten», der kompositionellen Strukturierung und in der Einbindung dekorativer Motive – kurz, in ihrem unverwechselbaren, zunächst graphisch, dann malerisch entfalteten Stil. Setzt man das Jahr 1900 als zeitliche Grenze für diesen sich seit 1891 herauskristallisierenden Stil an, so fallen die Ungleichheit bezüglich Menge und Beschaffenheit der graphischen Kompositionen innerhalb der Gruppe und umgekehrt eine auffallende Verwandtschaft und Homogenität in technischer Hinsicht auf.

[…] Eine weitere Ungleichheit bestand im Gebrauch der Farbe, die von den einen beherzt, von den anderen eher zurückhaltend verwendet wurde. Hatten Bonnard mit seinem Plakat France-Champagne und Denis mit La voie étroite schon seit 1891 die vielseitigen Möglichkeiten des Farbdrucks entdeckt, so dauerte es bei Vuillard bis 1896, bei Roussel bis 1897, und Vallotton gar ließ sich davon nie beeindrucken. Seine praktische Anwendung hingegen war jedem von ihnen relativ früh geläufig und verlief auf ähnliche Weise: drei bis vier Schichten reiner Farbe, manchmal fünf, die als Camaieu übereinander gedruckt wurden, wobei jede Farbe die Bildräumlichkeit mitdefinierte und am Aufbau der Motive beteiligt war, also nicht auf den traditionellen Gegensatz zwischen Hintergrund und Form beschränkt blieb. Nur Ibels, Roussel und Vuillard gingen darin noch etwas weiter: Der erste verwendete in einigen Programmen bis zu acht Farben, der zweite in seiner Folge der Paysages bis zu sechs, der dritte in dem Blatt La patisserie aus dem Album Paysages et intérieurs bis zu sieben. Auch in der Auswahl des Papiers und der Anzahl der Abzüge ihrer Lithographien sind sie vergleichbar, wobei sich der Einfluss des Druckers hier erheblich geltend machen konnte, so im Fall von Edward Ancourt bis 1896, der anschließend von Vollards ständigem und einzigen Drucker Augustin Clot abgelöst wurde. Seit 1895 zeigten fast alle Nabis eine Vorliebe für das ‚Chine volant’-Papier, das von Roussel beinahe ausschließlich gebraucht wurde. Mit seinem zarten und weichen Grau entsprach es der blassen Gesamtfarbigkeit am besten, ohne dabei seinen Glanz zu verlieren. Die Wahl dieses Papiers Stellte eine ästhetische Entscheidung dar und wurde zu einem Stilmerkmal der Gruppe, selbst wenn es einen gewissen Luxus bedeutete, der einigen außergewöhnlichen Blättern oder den Umschlägen ihrer Mappen vorbehalten blieb.

[Zurück]