Aus dem Text

Werner Schmalenbach

Modigliani
 

Jean Cocteau
Modigliani

Die Zeichenkunst Modiglianis atmet höchste Eleganz. Er war unser Aristokrat. Seine geschwungene Linie, die häufig so blaß und fein ist, dass sie wie der Geist einer Linie erscheint, bewegt sich mit der Geschmeidigkeit und Anmut einer Siamkatze und gerät niemals in die Gefahr, zu verdicken oder plump zu wirken.

Nicht Modigliani verzerrte und verlängerte die Gesichter, nicht er war es, der ihre Asymmetrie herausstellte, ihnen ein Auge ausschlug, den Hals in die Länge zog. All dies geschah in seinem Herzen. Und so zeichnete er uns an Tischen des Cafe de la Rotonde (denn von unserer Gruppe gibt es eine Menge unbekannter Porträts), so sah er uns, liebte er uns, fühlte er uns, widersprach er uns oder stritt mit uns. Seine Zeichnung war eine lautlose Konversation, ein Dialog zwischen seiner Linie und den unsrigen. Und von diesem Baum, der da so fest auf seinen in Velours gekleideten Beinen stand, diesem wandelnden Baum, der so schwer zu entwurzeln war, nachdem er einmal Wurzeln geschlagen hatte, fielen die Blätter und übersäten den Boden des Montparnasse.

Wenn sich am Ende seine Modelle ähnelten, dann auf dieselbe Art wie die jungen Mädchen Renoirs einander ähneln. Er unterwarf uns alle seiner Handschrift, einem Typ, den er in sich trug, und er suchte gewohnheitsmäßig Gesichter, die dieser Konfiguration ähnelten, die er bei Mann oder Frau forderte.

[Zurück]