Aus dem Text

Magdalena M. Moeller (Hrsg.)

Der blaue Reiter und seine Künstler


Peter Vergo
Kandinsky als Theoretiker

[...] Es ist wichtig – und meiner Meinung nach korrekt –, die Wurzeln von Kandinskys Denken in eine im wesentlichen symbolistische Ästhetik einzubetten, da dies unsere Aufmerksamkeit auf andere gemeinsame Inspirationsquellen zu lenken vermag. So war er zum Beispiel ebenso wie seine symbolistischen Zeitgenossen (Russen wie Franzosen) zutiefst beeinflußt von der idealistischen Tradition in der deutschen Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts, obwohl er sich in seiner bedeutendsten Abhandlung aus der Ära des Blauen Reiter, »Über das Geistige in der Kunst«, interessanterweise nur einmal und einigermaßen vorsichtig auf Nietzsche bezieht, dessen »starke Hand Religion, Wissenschaft und Moral gerüttelt hatte«. Anders als Franz Marc, der andere »Blaue Reiter«, hielt er vorsichtige Distanz zu Nietzsches allumfassenden Nihilismus, seiner »Umwertung aller Werte«;  auch hätte er es niemals über sich gebracht, einen Essay zu schreiben, der auch nur entfernt an Marcs »Im Fegefeuer des Krieges« erinnern würde. Weit bedeutsamer war für ihn die Vorstellung von einer Kunst, deren göttlicher Zweck darin bestand, über die bloße Oberflächenerscheinung der Dinge hinauszudringen – also über den Aspekt nur zufallsbedingter Äußerlichkeit der Realität, den eigentlichen Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung hinausweisend. Die Kunst vermochte, was der Wissenschaft nicht gelang: Sie konnte die platonische Idee begreiflich machen, für die der dargestellte Gegenstand, ja, der Gegenstand an sich, lediglich als Symbol diente. Hier ist die Quelle seiner Inspiration nicht Nietzsche, sondern Schopenhauer, in dessen (wie auch Kandinskys) Schriften eine starke Beimengung indischer Mystik zu finden ist – so etwa der Glaube an die Aufgabe des Künstlers, »den Schleier der Maja« zu lüften. Wenngleich Kandinskys Verweise auf die indische Religion wahrscheinlich seiner Lektüre der Bücher von Blawatsky entstammen, hätte er diesen Aspekt von Schopenhauers Idealismus zweifellos ebenso anziehend gefunden wie das Beharren des Philosophen auf der Vorstellung, daß der Künstler mit einer Vision, einem Maß der Erkenntniskraft begabt sei, die über jene für das Alltagsleben der Menschheit erforderliche weit hinausgeht – eine Denkweise, die, wie wir gesehen haben, unmittelbar in Kandinskys Schriften reflektiert wird. In Die Welt als Wille und Vorstellung schreibt Schopenhauer:

    »Es ist als ob, damit der Genius in einem Individuo hervortrete, diesem ein Maß der Erkenntnißkraft zugefallen seyn müsse, welches das zum Dienste eines individuellen Willens erforderliche weit übersteigt; welcher frei gewordene Überschuß der Erkenntniß, jetzt zum willensreinen Subjekt, zum hellen Spiegel des Wesens der Welt wird. – Daraus erklärt sich die Lebhaftigkeit bis zur Unruhe in genialen Individuen [...] dieses giebt ihnen jene rastlose Strebsamkeit, jenes unaufhörliche Suchen neuer und der Betrachtung würdiger Objekte, dann auch jenes fast nie befriedigte Verlangen nach ihnen ähnlichen, ihnen gewachsenen Wesen, denen sie sich mitheilen könnten; während der gewöhnliche Erdensohn, durch die gewöhnliche Gegenwart ganz ausgefüllt und befriedigt, in ihr ausgeht, und dann auch seines Gleichen üebrall findend, jene besondere Behaglichkeit im Alltagsleben hat, die dem Genius versagt ist.«

Im Gegensatz zu dem vereinzelten Bezug auf Nietzsche in »Über das Geistige in der Kunst«, taucht in keiner von Kandinskys gedruckten Schriften der Name Schopenhauers auf. Doch sind die Affinitäten so auffallend – von allgemeinen Begriffen über spezifische Textabschnitte bis hin zu einem eigentümlichen Gebrauch von Sprache und Bildwelt – daß Kandinskys Unkenntnis der Werke des Philosophen wenig wahrscheinlich ist.

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