Aus dem Text

Frank Whitford

Kandinsky. Aquarelle und andere Arbeiten auf Papier
 

Einführung

[...] Kandinskys Aquarelle, Gouachen und Ölgemälde bilden fast immer Elemente eines nahtlos verbundenen Ganzen, innerhalb dessen er vergleichbare bildnerische Probleme in dem jeweiligen malerischen Medium auf vergleichbare Weise behandelt. Stilistische Veränderungen tauchen in all diesen Bildgattungen mehr oder minder gleichzeitig auf; es ist daher möglich und zulässig, nahezu seine gesamte Entwicklung allein in den Aquarellen zu verfolgen – jedenfalls nachdem er einmal seine künstlerische Reife erlangt hatte.

[...] Kandinsky war kein Aquarellmaler im herkömmlichen Sinn: Er machte sich nicht konsequent die Transparenz, die subtilen Effekte der übereinander gelagerten verdünnten Wasserfarben oder andere dem Medium inhärente Eigenschaften zunutze. Opake Deckfarben, Tusche und (Wasser-) Lasurfaben, Bleistift und Kreide verwendete er häufig in ein und derselben Komposition. Fest dazu entschlossen, ungewöhnliche Wirkungen zu erzielen, mischte er sogar gelegentlich Wasser- und Ölfarben miteinander oder setzte seiner Farbe Seife und andere Substanzen zu. Gleichwohl erreichen in vielen seiner Arbeiten auf Papier die Farben eine Strahlkraft und Sättigung, wie sie in seinen Ölgemälden nur selten erreicht werden. Angesichts der zentralen Bedeutung der Farbe in seinem Œuvre könnte man daher behaupten, daß Kandinskys künstlerische Sensibilität in seinen Aquarellen zu ihrem vollsten Ausdruck fand. Das gleiche ließe sich auch über seine Einstellung zum Malvorgang an sich in den Jahren vor 1922 sagen, jener Phase, in der er bestrebt war, so spontan wie möglich zu gestalten oder zumindest ein Gefühl von Spontaneität hervorzurufen. Der Eindruck von Unmittelbarkeit und Gegenwärtigkeit läßt sich leichter mit Wasserfarben als mit Ölfarben erreichen, die längere Zeit zum Trocknen brauchen.

[...] Kandinskys Beziehung zur Kunst seiner Zeit war daher zwiespältig. Und auch zwei dominante Aspekte seiner Persönlichkeit waren schwer miteinander in Einklang zu bringen. Sowohl sein Charakter als auch seine Kunst wurden von miteinander im Widerstreit liegenden Ansprüchen von Intuition und Intellekt geformt. Die Entwicklung seiner Malerei ist in regelmäßigen Abständen gekennzeichnet von dem Wechsel zwischen dem anscheinend Spontanen, Improvisierten und daher Intuitiven und andererseits dem Kalkulierten, Disziplinierten und Präzisen. Im Vergleich zu den explosiv-dynamischen Kompositionen seiner Münchner Periode wirken die später am Bauhaus geschaffenen hauptsächlich geometrischen Werke wie auch die seltsam zoomorphen Phantasieformen der Pariser Gemälde am Ende seines Lebens wie Arbeiten von der Hand eines völlig anderen Künstlers.

[...] Es gint aber auch noch einen weiteren Widerspruch: Kandinsky war ein stark gefühlsbetonter Mann, der seine Empfindungen jedoch für sich behielt und sie in seiner Kunst nur in stark verkleideter oder verschlüsselter Form offenbarte. Da ein Großteil seines malerischen Schaffens höchst subjektive Vorstellungen ausdrückt, ist es eng mit dem Expressionismus verschwistert, jener künstlerischen Strömung, die – zum Teil dank seiner eigenen Bestrebungen – dazu gelangte, in der deutschen Kunst der Jahre unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg eine beherrschende Rolle zu spielen. Doch Kandinsky mißfielen die meisten Ausdrucksformen des Expressionismus – insbesondere die grobe, nervöse Pinselführung der Brücke-Künstler – wegen ihrer theatralischen und bekennerhaften Übersteigerungen. Die Abstraktion übte auf Kandinsky eine paradoxe Anziehungskraft aus: Sie besaß nicht nur ein gewaltiges Potential zur Verdichtung von Emotionen, sondern sie ermöglichte ihm auch, seine persönlichsten Gefühle zu verschleiern.

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