Aus dem Text

Hans Albert Peters (Hrsg.)

Die Sammlung Kahnweiler
 

Juan Gris
1887-1927

Eine enge persönliche Freundschaft und eine große Bewunderung für sein Werk verband Daniel-Henry Kahnweiler mit Juan Gris. Welch bevorzugten Platz der Spanier unter seinen Künstlern innehatte, wird deutlich aus den Worten, mit denen der Kunsthändler den Künstler kurz nach dessen Tod ehrte: »Was ist es nun, das uns diesen Künstler so liebwert macht, was ihn vor allen auszeichnet? Keiner war rein wie er. Keiner so wahr. In seinem Wesen paarten sich die schönsten Gaben des Malers mit edelster sittlicher Größe. In einer Zeit, die weniger zerrissen gewesen wäre als die unsere, wäre er ein Lehrer gewesen, ein Meister wie David und Ingres, trotz seines kurzen Lebens.« Dasselbe sehr persönliche Gefühl vermittelt auch das bedeutende Buch, das er dem Andenken seines Freundes 1946 widmete, die umfangreichste seiner kritischen Schriften, denn das Werk enthält, über das Leben und Werk von Juan Gris hinausgehend, eine allgemeine Definition des Kubismus. In ihm bringt er den Charakterzügen Gris’, die er am meisten schätzte, eine ergreifende Huldigung dar: seiner moralischen und intellektuellen Strenge und Ernsthaftigkeit. Gris war nach Kahnweilers Worten »der lauterste Mensch, der treueste und zärtlichste
Freund, den ich gekannt habe, und einer der nobelsten Künstler, die die Erde getragen hat.«

[…] Schon dort bemerkte er die Originalität von Gris’ Beitrag, nämlich die »Klarheit«, die Verachtung für jede »Pinselakrobatik« die Ablehnung jener Hermetik, die damals in den Werken von Braque und Picasso präsent war und deren von der Skulptur übernommene Technik, deren sich überlagernde Flächen er nicht verwendet. Zu dieser Zeit führt Gris auch eine besondere Kompositionsmethode, die Kahnweiler das »polyphone Element« nennt, in seinem Werk ein: die mehrfache Darstellung eines Objekts, das in einer Komposition einmal senkrecht wiedergegeben, einmal schräg projiziert ist, also die Einbindung einer zweiten, verschobenen Komposition in die erste.

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