Aus dem Text

Georges Vignes

Ingres
 

[…]In diesen letzten Jahren der napoleonischen Herrschaft spielte das Königspaar von Neapel, Joachim und Caroline Murat, eine wichtige Rolle für die Produktion des Malers. Mindestens fünf Bilder entstanden in relativ kurzer Zeit, 1813 und 1814, in ihrem Auftrag. Dabei handelt es sich vor allem um die berühmte Große Odaliske (1814; Paris, Musée du Louvre), die mit Sicherheit als Pendant zu der Schlafenden von Neapel, die der König schon früher erworben hatte, ausgeführt wurde. Beide Leinwände sollen identische Abmessungen gehabt haben. Zum großen Glück verhinderte der Zusammenbruch des Königreichs Neapel die Auslieferung der Odaliske, was unweigerlich dazu geführt hätte, dass sie ebenso wie die Schlafende untergegangen wäre. Dieser neuerlich orientalisch inspirierte weibliche Akt hat wegen seiner anatomischen Abnormitäten, insbesondere wegen der über das Normale hinausgehenden »drei zusätzlichen Wirbel«, viel von sich reden gemacht. Die klar ersichtlichen Unstimmigkeiten des Bildes veranlassten Amaury-Duval zu der berechtigten Frage: »Besäße sie mit exakt wiedergegebenen Proportionen eine ebenso starke Anziehungskraft?« Die Antwort war offensichtlich in dem von ihm erwarteten Sinn negativ. Der italienische und französische Manierismus des 16. Jahrhunderts hatte durch ähnlich in die Länge gezogene Proportionen vergleichbare Wirkungen erzielt. Es besteht kein Zweifel daran, dass Ingres die Inspiration für seine extrovertierten und manchmal gewalttätig deformierten Modelle von dort bezog, um sie dann mit Hilfe der ihm eigenen sanften und ruhigen Linienführung gleichsam einzuhüllen. Es stimmt, dass er in diesem Werk sein harmonisches System bis zur äußersten Grenze vorangetrieben hat: durch eine extreme Längung der Glieder, eine fragwürdige Verbindung des linken Beins mit dem Körper, eine unter dem Arm sitzende Brust, einen verdrehten Hals, eine unverhältnismäßig breite Hüfte. Doch nur diese offensichtlichen Fehler der Zeichnung bewirken den betörend geschmeidigen Schwung der Linie, die runde Eleganz der Pose. Ein Gemälde wie dieses reicht aus, um das Vorurteil von einem »akademischen« Ingres zu zerstören. Sicherlich erscheint das Bild in erster Linie als perfekter Ausdruck des damals gültigen Geschmacks. Doch seine feine Pinselschrift und sein dekorativer Orientalismus verhüllen keineswegs seine malerischen
Kühnheiten, die Ingres noch bei der Präsentation der Großen Odaliske auf der Weltausstellung von 1855 angekreidet werden sollten. Das 20. Jahrhundert lässt dem Bild glücklicherweise volle Gerechtigkeit widerfahren. Dachte Edouard Manet, als er 1863 seine Olympia malte, auch an die Große Odaliske, obwohl er sich doch unmittelbar an Tizian inspirierte? Die Starre des provozierenden Blicks der beiden jungen Frauen ist jedenfalls merkwürdig ähnlich.

 

Durch die überaus wirksame Schlichtheit der Komposition, die einen großen Bogen beschreibt, in dem das eigentliche Sujet sich dominierend entfaltet und sich dem Betrachter geradezu einladend darbietet, hat Ingres mit dieser lässig gelagerten Schönen im 19. Jahrhundert eine echte Ikone der Aktmalerei geschaffen. Ihre formale Vollkommenheit, eine Art Resümee der vorhergehenden Badenden mit Turban, lässt den Verlust der Schlafenden von Neapel um so schmerzlicher erscheinen, mit der zusammen die Odaliske ein harmonisches Ganzes hätte bilden sollen: Die eine verkörperte den Okzident, die andere den Orient; die erste schlief, die zweite wacht; die Schlafende zeigte sich in Frontalansicht mit nach rechts gewandtem Kopf, während die Odaliske in Rückenansicht dargestellt ist und ihr auffallend dreieckiger Umriss nach links schwingt. So werden hier zwei Aspekte des Weiblichen heraufbeschworen, indem die eine verbirgt, was die andere enthüllt. Beide aber sind geheimnisvoll, schweigend und abwartend. Sie bieten sich an – doch mit einer kühlen und abschätzenden Aura, die ihnen Schamhaftigkeit und Keuschheit ersetzt.

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