Aus dem Text

Fred Licht

Goya - Die Geburt der Moderne
 

Die Schwarzen Bilder

[…] Die Schrecken des Krieges waren Goyas letzter Versuch, ein Publikum zu erreichen, wenngleich wir keine gesicherte Kenntnis davon haben, dass er jemals an Drucker oder Herausgeber herangetreten ist, um seine Platten zu veröffentlichen. Nun sind wir, die Generationen der Zukunft, das Publikum, das Goya zu erreichen hoffte.

Es war vielleicht Goyas wachsende politische, intellektuelle und menschliche Isolation, die ihn dazu führte, Werke zu schaffen, die nur für seine eigenen Augen bestimmt waren. Tatsächlich sind die riesigen Schwarzen Bilder, die er zwischen 1820-1823 direkt auf den Putz der Räume seines kleines Landhauses »La Quinta del Sordo« vor den Toren Madrids malte, die extremste Manifestation der zunehmenden Entfremdung zwischen der modernen Gesellschaft und dem Künstler. Wenn es auch wahr ist, dass viele nachfolgende Künstler Kunstwerke malten, zeichneten oder schnitzten, die allein dazu bestimmt waren, von ihnen selbst gesehen und verstanden zu werden, so ist unseres Wissens doch niemals zuvor und niemals seither ein bedeutender und ehrgeiziger Zyklus von Gemälden in der Absicht geschaffen worden, die Bilder als ganz persönliche Angelegenheit zu betrachten. Allein die Tatsache, dass Goya sich der Wandmalerei statt der üblicheren Ölmalerei auf Leinwand bediente, ist Beweis genug, dass er niemals erwartete, seine Gemälde öffentlich ausgestellt zu sehen, und da sehr wenige Menschen den Weg in die Außenbezirke Madrids einschlugen, um Goya in seiner Abgeschiedenheit zu besuchen, sind diese Gemälde so geheim wie wohl keines, das im Verlauf der abendländischen Kunstgeschichte produziert wurde. Goya hat sie in einer für uns schwer nachvollziehbaren, vom Instinkt geleiteten Innenschau – vielleicht in einem Versuch der Selbstanalyse – geschaffen, um die vor ihm aufsteigenden Bilder und Visionen auf der Wand festzuhalten, sie in der Einsamkeit im Stillen zu betrachten und sich mit diesen großen Themen seines Lebens und seiner Kunst auseinanderzusetzen.

In den Schwarzen Gemälden brach Goya mit jeder traditionellen Auffassung von der Kunst als Mittel der Kommunikation. Niemals verfasste er »programmatische Inschriften« oder sogar Titel für diese Werke, wie er das doch für die Caprichos und die Desastres getan hatte. Wir haben nicht die geringste Spur, keinerlei Hinweis darauf, dass er die Gemälde seinen Freunden und Erben erklärt haben könnte, und so scheint es sehr wahrscheinlich, dass er niemals mit irgendjemandem über sie sprach. Vielleicht hatte Goya jedes Interesse an ihnen verloren, nachdem er sie fertig gestellt hatte, denn obwohl er mit vorausschauender Klugheit sein Schaffen stets profitabel auszuwerten verstand, traf er in Bezug auf diese Bilder keine Verfügungen, als er aus Frankreich wieder nach Madrid zurückkehrte, um seine finanziellen Angelegenheiten zu ordnen. Vielleicht wirkten die Schwarzen Bilder als eine Art Exorzismus, der für den Künstler keine weitere Bedeutung mehr besaß, sobald er abgeschlossen war. Vielleicht auch verstand er selbst ihren Sinngehalt niemals vollkommen.

Diese Überlegungen könnten sich bestätigen, wenn man ein weiteres Gemälde Goyas heranzieht, das zur gleichen Zeit wie die Schwarzen Gemälde ausgeführt wurde, das Selbstportrait mit Dr. Arrieta, eines der bewegendsten seiner späten Werke. Wie die Inschrift des Bildes uns sagt, war Goya von einem Anfall seiner alten Krankheit überwältigt worden. Obwohl alle Hoffnung geschwunden war, hatte Dr. Arrieta, einer der wenigen ihm verbliebenen Freunde, unermüdlich versucht, den Künstler ins Leben zurückzurufen, und sein Mut wurde belohnt. Wie durch ein Wunder überlebte Goya die Krise und lebte weitere neun fruchtbare Jahre.

 

[…] Wenn man das Selbstportrait mit Dr. Arrieta als Präludium zu den Schwarzen Bildern sieht, lassen sich – zumindest vordergründig – die Schwarzen Bilder als das Ergebnis von Goyas Furchterregender Reise an den Rand des Grabes interpretieren. In dem Doppelportrait stellt sich Dr. Arrieta zwischen Goya und die schattenhaften phantastischen Gestalten im Hintergrund. Seine Fürsorge und Freundschaft haben die Phantome der Fieberträume des Künstlers in die Dunkelheit des Krankenzimmers zurückgedrängt. Und es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Goya, sobald er seine Kraft wiedergewonnen hatte, diese Monster ganz und gar bannte und unschädlich machte, indem er ihnen an den Wänden der Quinta del Sordo konkrete Form verlieh. Natürlich haben wir keine gesicherten und dokumentierten Belege für die Beziehung zwischen dem Selbstportrait mit Dr. Arrieta und den Schwarzen Bildern, doch die Ähnlichkeit ihrer Hintergründe spricht für sich. Tatsächlich passt der Hintergrund des Doppelportraits eher zu den Schwarzen Bildern als zu den Gestalten von Dr. Arrieta und Goya im Vordergrund. Thematisch und maltechnisch stehen die Bilder miteinander in Verbindung und auch ihre zeitliche Folge kann nicht außer acht gelassen werden. Obwohl alle Versuche, das Rätsel der Schwarzen Bilder zu lösen, lediglich als reine Hypothese präsentiert werden können, ist der Gedanke nicht ganz ungerechtfertigt, die in den Schwarzen Bildern präsentierten Visionen als Emanation jener lähmenden seelischen Mächte zu sehen, aus deren Fängen Goya von Dr. Arrieta Goya gerettet wurde.

Vielleicht erklärt dies auch den Widerstand, den Goya der Fürsorge des Arztes in dem Portrait entgegensetzt, nachdem er in den Halluzinationen seiner Krankheit in den Bildern seines Unterbewusstseins die Vergeblichkeit, Entfremdung und Dunkelheit menschlichen Seins bis auf den Grund durchlebt hatte. Goya kämpft dagegen an, wieder zurück ins Leben gezogen zu werden, davon spricht auch die lähmende, alles Seiende für nichtig erklärende Natur der Schwarzen Bilder, in der ihr wahres Gift liegt. Diese Bilder flößen uns unterschwellig ein Gefühl der Apathie ein, jene Starrheit der Seele, die das Leben ungenießbar und zu einer sinn- und nutzlosen Bürde macht. Die ungeheure ihnen zugrunde liegende Gleichgültigkeit des Universums zerstört den Lebenswillen des Menschen. Es ist nicht Entsetzen oder Panik allein, die den tödlichen Sog der Schwarzen Bilder erzeugt, sondern die Sinnlosigkeit aller Begegnungen und jeder Erfahrung. Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit im Angesicht des Todes haben Goya möglicherweise während seiner Krankheit heimgesucht und Dr. Arrieta veranlasst, seine Kuren einem widerspenstigen Patienten aufzuzwingen.

[…] Wenn wir uns an die Interpretation der einzelnen Gemälde wagen, aus denen sich die Schwarzen Bilder zusammensetzen, bewegen wir uns auf schwankendem Boden. Jedes Bild ist so irrational verzerrt und jenseits der Koordinaten der gewöhnlichen Logik angesiedelt, dass wir der Versuchung nicht widerstehen können, sie im Einklang mit unseren eigenen Befürchtungen und Ängsten auszulegen. Die Gemälde sprechen von der Bodenlosigkeit, der Leere, in die unser Leben und unsere Handlungen eingebettet sind. Unser erster Impuls ist eine Maßnahme des Selbstschutzes: Wir erfüllen das drohende Vakuum dieser Bilder mit einer Bedeutung. Geleitet von den Ängsten, die Goya in uns entfesselt hat, versuchen wir, seine Rätselhaftigkeit auf die Ebene eines Puzzles zu reduzieren. Ein Puzzle setzt eine vorab bekannte Antwort voraus, ein Rätsel tut dies nicht. Aus einer Reflexhandlung des Selbstschutzes heraus versuchen wir vorzugeben, dass Rätsel lediglich schwierige Puzzles sind und machen uns daran, die angemessene Antwort zu finden. Doch es hat wenig Sinn, eine Antwort zu suchen, wenn man mit den Schwarzen Bildern konfrontiert wird. Sie stellen ein ganzheitliches Rätsel und nicht ein Puzzle dar. Es ist möglich, aber nicht wahrscheinlich, dass irgendwann in der Zukunft bestimmte Dokumente zur »Erklärung« der Schwarzen Bilder auftauchen. Doch selbst wenn dies geschehen sollte, könnten uns diese Dokumente zwar etwas über die Ikonographie oder den narrativen Gehalt dieser Werke sagen, doch sie könnten uns keinen Schlüssel zu ihren gleichermaßen verblüffenden stilistischen Neuerungen an die Hand geben. In Ermanglung aussagefähiger Dokumente können wir daher lediglich auf bestimmte Verbindungen, Anhaltspunkte und Anspielungen hinweisen, die uns bei unserer prekären und nicht verifizierbaren Interpretation leiten können.

[Weiter]