Aus dem Text

Erich Heckel – Sein Werk der 20er Jahre

 

Reinhold Heller
 Erich Heckel und der Zauber der Melancholie

Das melancholische Temperament ist jedoch auch eng mit der Kunst, künstlerischer Schöpfung, Künstlern und Dichtern in Beziehung gesetzt worden. So charakterisierte sich Robert Burton in seiner Anatomy of Melancholy als melancholisch und führte sein schriftstellerisches Talent auf seine Melancholie zurück. Durch seine Kunst, sein Schreiben und seine Meditation, so argumentierte er, hielt er darüber hinaus seine Melancholie unter Kontrolle und verhinderte auf diese Weise, daß sie sich in die krankhaften Extreme von Verzweiflung und Wahnsinn verwandelte. Aus dieser Sicht hält die Melancholie den Künstler in einem gefährlichen und gefährdeten Gleichgewicht auf dem schmalen Grat zwischen der Kreativität und dem ‚schwarzen Abgrund’ des Pathologischen, der Apathie und des Selbstmordes. Goethe goß diese Anschauung von der Melancholie als Dichterelement in ein Spruchgedicht mit dem Bild des Regenbogens auf schwarzem Grund:

Zart Gedicht, wie Regenbogen,
Wird nur auf dunklen Grund gezogen,
Darum behagt dem Dichtergenie
Das Element der Melancholie.

Die Melancholie, die saturnische Hinwendung zu Isolation und Introspektion, gilt als eine notwendige psychische Voraussetzung der künstlerischen Existenz, eines der Elemente, die den Künstler von der gewöhnlichen Menschheit unterscheiden – nach den Worten Flauberts ‚signe de distinction du cœur et d`élevation de l`esprit’. Die wohl bekannteste Darstellung der künstlerischen Melancholie ist Dürers Kupferstich aus dem 16.Jahrhundert, in dem die allegorische weibliche Gestalt in einer Haltung, die zum Inbegriff der melancholischen Pose geworden ist, allein auf einem Stein sitzt und in tiefer Versunkenheit sinnend die Wange auf die Hand stützt. Diese Pose – schlicht, lesbar, leicht im Gedächtnis zu behalten und präzise – wurde nach Dürer von unzähligen Künstlern imitiert. Sie alle nahmen sich die stille, einsame Figur zum Vorbild, die in tiefes Nachdenken versunken ihren symbolträchtig schweren Kopf auf Hand und Arm stützt. Wie schon bei Dürer, diente die Allegorie der Melancholie nunmehr des öfteren eher der Verbildlichung künstlerischen Schöpfergeistes und künstlerischer Inspiration statt der Darstellung eines der vier Temperamente. Besonders seit der Epoche der Romantik, in der Melancholie und Genialität als eng miteinander verschwistert galten, ging die Melancholie in die Selbstdarstellung des Künstlers ein.

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