Aus dem Text

Ellsworth Kelly – Die Jahre in Frankreich 1948-1954
 

Yve-Alain Bois
Kelly in Frankreich oder Die Anti-Komposition in ihren verschiedenen Stadien

[…] Die Dezentrierung ist, um die Wahrheit zu sagen, das Ergebnis einer ‚Zentrierung’: Nachdem er das Gittersystem gesprengt und auf den Zufall verzichtet hat, wendet sich Kelly nunmehr jener anderen Methode des Index, der bilateralen Symmetrie, zu (jedes symmetrisches Feld ist ein Index seiner selbst, und in dieser Eigenschaft entzieht es sich der persönlichen Willkür der Komposition, was Newman seit 1948 begriffen hatte). Die Symmetrie kommt in Red Yellow Blue White auf zwei Arten auf zwei Arten zur Geltung: Einerseits sind die beiden seitlichen Reihen, die die ‚zentrale’ Kolumne flankieren, farblich identisch artikuliert (A, B, C, B, A), andererseits bilden die fünf Reihen als Formen an sich eine symmetrische Konfiguration um eine zentrale Achse (die mittlere Kolumne). Aus diesem Grund bezeichnen sie ein einheitliches Feld – es ist daher für das menschliche Bewusstsein unmöglich, die Leerstellen nicht als integrierenden Teil des Werkes in die Wahrnehmung mit einzubinden. Tatsächlich geht Red Yellow Blue White an die Grenzen der Möglichkeiten der Symmetrie, ein Feld als überschaubares Gesamtbild zu umreißen: Wären die Intervalle zwischen den ‚Säulen’ größer gewesen, hätte das Werk unser visuelles Gesichtsfeld überfordert und überschritten, und die bereits durch die Symmetrie unterschwellig in Gang gesetzte Vereinheitlichung – schon durch den optischen Tanz der farbigen Rechtecke auf eine harte Probe gestellt – wäre ausgeblieben.

 

[…] So außergewöhnlich sie heute auch wirkt, Kelly muss die statistische Analyse gleichzeitig mühselig und schrecken erregend erschienen sein, eine allzu perfekte Zwangsjacke, aber auch eine Sackgasse: Wie über sie hinausgehen, ohne in die eine oder andere kompositionelle Falle zu stolpern, die er so geduldig umgangen hatte? Meiner Meinung nach tut er eine Zeitlang genau das, indem er die Logik der referentiellen Übertragung zu kombinieren sucht. Aber Kelly ist in Richtung einer Automatisierung des Bildobjekts zu weit gegangen und ist, kurz gesagt, aus der Übung gekommen, er weiß einen simplen Transfer nicht mehr zu handhaben, oder er gibt sich nicht mehr damit zufrieden. Es handelt sich hier, wenn man so will, um impressionistische ‚Regressionen’. Diesen regressiven Aspekt mit seinem Verweis auf das Bezugsobjekt heben bestimmte Werke aus seiner Hand jedoch auf, und zwar durch eine strikte Anwendung des Prinzips der Symmetrie und der monochromen Einheitlichkeit der Tafel. Train Landscape ist das einzige in jener Zeit geschaffene Gemälde, das jedoch mit zahlreichen Collagen einhergeht. Andere, problematischere Werke, wenden sich von der Symmetrie ab, behalten aber die Idee der monochromen Einheitlichkeit der Tafel bei.

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