Aus dem Text

Aus dem Text

Magdalena M. Moeller (Hrsg.)

Der frühe Kandinsky 1900-1910
 

Natasha Kurchanova
Die Volksmytologie: eine visuelle Sprache?

[...] Kandinskys Entschluss Künstler zu werden, fiel mit der Phase zusammen, als die ästhetische und philosophische Bewegung des Symbolismus begann, in Russland Eingang zu finden. Anfang der 1890er Jahre erschienen die Gedichte und Artikel der russischen Anhänger der Bewegung sowie Übersetzungen von Baudelaire und Verlaine immer häufiger nicht nur in den literarischen Gazetten, sondern auch in Zeitschriften, die ein größeres Publikum erreichten. Der Symbolismus ging davon aus, dass hinter den Dingen ein tieferer Sinn verborgen sein, den erst die künstlerische Schöpfung freisetzen könne. Die Symbolisten strebten danach, diese authentischere Wirklichkeit zu entdecken, indem sie mit Symbolen operierten, deren Anspielungen und Verweisungen auf innere Bezüge entschlüsselt werden sollten, und stützten sich dabei auf die Intuition. Insgesamt lässt sich die Bewegung als in ihrer Ausrichtung anti-positivistisch und anti-naturalistisch charakterisieren. Im Gegensatz zu Frankreich, wo sich der Symbolismus in der Hauptsache auf künstlerische Ausdrucksformen beschränkte, wurde diese Bewegung in Russland zur Doktrin und erlangte den Status einer Religion.

[...] Die anti-positivistische Überzeugungskraft der symbolistischen Schriften muss Kandinsky letzte Bedenken über die Wahl seiner Malerkarriere zerstreut haben. Es scheint, als habe sein Interesse für die Ethnographie und die Theorie der Volksüberlieferung – wie in Afanasievs Schriften illustriert – seinen Drang unterstützt, sich vom Empirismus abzuwenden und einer radikal von diesem unterschiedenen Berufung zu folgen. Die Anziehungskraft von Afanasievs Theorie für Kandinsky lag just in ihrer Betonung der intuitiven psychologischen Reaktionen als Grundlage des menschlichen Bewusstseins. Afanasievs Versuch, den grundlegenden frühesten Teil des linguistischen Symbolismus aufzudecken und seine visuelle Grundlage zu zeigen, muss Kandinskys Schlussfolgerung bestätigt haben, dass der direkteste Weg zur Seele des Volkes über die Anschauung und eine visuelle Ausdrucksform führt.

 

Rose-Carol Washton Long
Vom Märchen zur Abstraktion. Kandinsky 1910 – Avantgarde oder regressiver Modernismus?

[...] Das Schaffen Wassily Kandinskys galt lange Zeit hindurch als Katalysator für Entwicklung und Akzeptanz der abstrakten Malerei des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich wird der Künstler häufig als einer der bedeutendsten Pioniere des Modernismus apostrophiert – nicht nur in Bezug auf Deutschland, sondern europaweit. Kürzlich haben jedoch einige Kunstwissenschaftler die Frage aufgeworfen, ob Kandinskys Ringen um die Herausbildung eines abstrakten Stils nicht vielmehr eine ‚konservative’ und rückschrittliche Einstellung innewohnt. Handelte es sich dabei – wie sie behaupten – um ein Beschönigen der durch die Industrialisierung herbeigeführten Probleme der modernen Welt, um ein Verschleiern der Fallgruben des ‚Spätkapitalismus’? Im Gegensatz zu der weithin akzeptierten Meinung, die Werke Kandinskys aus der Münchener Periode seien modern und avantgardistisch, postulieren diese Wissenschaftler, dass die von ihm eingeschlagene Richtung in Wahrheit als Flucht vor der Realität, als Flucht in ein unerreichbares Utopia zu deuten sei, dass auf der Vorstellung eines mythischen Goldenen Zeitalters der Vergangenheit gründe.

[...] Kandinskys Schaffen von 1910 war für die Entwicklung seines abstrakten Stils, für den er berühmt wurde, von entscheidender Bedeutung. Wenn wir unser Augenmerk auf dieses Jahr richten, können wir vielleicht Antwort auf die Frage erhalten, ob Kandinskys Vorstoß zur Abstraktion als rückschrittlich oder fortschrittlich anzusehen ist. In eben diesem Jahr 1910 löste sich der Künstler radikal von den Märchen- und Landschaftsthemen, die sein Schaffen bislang beherrscht hatten. Von dem Konzept der Dissonanz in der zeitgenössischen Musik inspiriert und ermutigt durch seine Erfahrungen mit der Malerei der französischen Fauves, verstärkte er den Einsatz starker, kontrastierender Farben und die freie Verschiebung der Formen im Raum dramatisch, während er um einen Stil rang, der den Weg in ein neues geistiges Zeitalter bahnen sollte. Die bestürzenden Farben, Formen und Räume seiner großformatigen Ölgemälde kreisen nun um gegensätzliche Motive von Kampf und Hoffnung, von denen viele auf volkstümlichen Darstellungen der Apokalypse basieren. Gleichzeitig verfasste er zahlreiche Aufsätze und Manifeste, in denen er seine Vision von einem neuen Stil propagierte, der die in Apathie versunkenen Menschen wachrütteln und ihre Fähigkeit, sich geistig vorwärts und aufwärts zu bewegen, neu beleben sollte.

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