Aus dem Text

Douglas Gordon
 

Charles Esche
Moralische und psychologische Bezüge im Werk von Douglas Gordon

1. So viele Fragen, denen man sich stellen muß...

[...] Gewisse Dinge, die mit dem Werk von Douglas Gordon verknüpft sind, tauchen häufiger in meiner Erinnerung auf, als ich eigentlich möchte. Das hat mich manchmal verwirrt und mir periphere Elemente meines Lebens bewußt gemacht, die seit meiner Kindheit unbeachtet geblieben sind. Es war nicht immer leicht, mit Douglas’ Arbeiten in meinem Kopf zu leben, aber so schlimm war es auch wieder nicht.

[...] Ich denke da zum Beispiel an das erste Mal, als ich 24 Hour Psycho zum ersten Mal richtig gesehen habe. Es war 1993 in Berlin, nach seiner Premiere in Glasgow im selben Jahr – der Betrieb um mich herum war damals viel zu hektisch gewesen, als daß ich es entspannt hätte sehen können. In Berlin nun schlich ich ein paar Minuten, nachdem Douglas die Installation fertiggestellt hatte, in den Ausstellungsraum von Kunst-Werk. Alle anderen waren in die Bar gegangen, die vor der Wende ein Obstladen gewesen war.

[...] Ich sah die Leinwand, die wir aus Schottland mitgebracht hatten, scheinbar beiläufig lehnte sie gegen eine passende Säule, ihre Kante zur Tür gerichtet – eine silberne Scheibe in der Dunkelheit. Als ich in den Raum hineinging, trat das projizierte Bild, verkehrt herum und enorm verlangsamt  in mein Blickfeld. Der Darsteller, der den Privatdetektiv spielt, stieg gerade mit nervösem Gesichtsaussdruck die Treppe hinauf, Stufe für Stufe geht er in Zeitlupe in sein Verderben. Während ich mich der Szene nähere, geht er auf mich zu. Und dann passiert es. Wir sind plötzlich beide mittendrin in der Handlung, sind beide in diese Zeit und an diesen Ort gebannt. Er ist in Schwarzweiß, sucht nach jemandem und steht kurz vor seinem Tod (außer natürlich, daß er ein Schauspieler und alles nur Schein ist). Ich bin in Farbe und gerade mit irgendeiner Sache beschäftigt, die mir zur damaligen Zeit für meine Zukunft sehr wichtig erschien. Konnte ich denn überhaupt anders, als diesen bedeutungsvollen Moment als Omen für die Zukunft zu interpretieren?

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