Aus dem Text

Henri und Anne Stierlin

Alhambra
 


 

Der salomonische Bauplan

Im Verlauf unserer Untersuchungen über den Sinngehalt der Alhambra sind wir zu einer tief greifenden Neuinterpretation der Palastbauten gelangt, die im 14. Jahrhundert von den nasridischen Sultanen errichtet wurden. Wir haben festgestellt, dass der Gesamtentwurf des Palastkomplexes, die Funktion der Säle und Patios und die Bestimmung der Räumlichkeiten unerwartete Aspekte aufweisen und reich an Bedeutungen sind. Berücksichtigt man den geistesgeschichtlichen Hintergrund der Epoche sowie die Informationen, die uns die Inschriften und Textquellen liefern, dann wird klar, dass die Alhambra sowohl auf der semiotischen als auch auf der sinnbildlichen Ebene geradezu Modellcharakter hat. Dieser Palast vereinigt in sich eine Fülle von Traditionen, die sich aus der Antike und dem Mittelalter herleiten und verschiedenen Kulturen entstammen. Er ist ein synkretistisches Baudenkmal par excellence.

Wir haben aufgezeigt, dass verschiedene Lesarten seiner Formensprache zu verschiedenen Interpretationen führten, die einander überlagern und ergänzen konnten, ohne sich gegenseitig auszuschließen. Als grundlegend erwiesen sich beispielsweise die persischen Quellen, vor allem hinsichtlich der beiden Patios, die den Diwân-i Khas bzw. dem Diwan-i Am entsprechen. Die Wurzeln dieser höchst bedeutungsvollen Unterteilung der Palastbauten reichen freilich zu noch entlegeneren Quellen zurück.

Ihr Prototyp ist nämlich im alten Rom zu finden – und vielleicht sogar bei den hellenistischen Königen. Pierre Grimal hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es zwischen dem offiziellen Palastbau, dem Palatium des Herrschers, einerseits und der Domus des Fürsten mit ihrem privaten Charakter andererseits zu unterscheiden gilt. So war die Domus aurea Neros das persönliche Domizil des Kaisers. Dort befand sich im Cenatio (Speisesaal) die berühmte kosmische Kuppeldecke, die sich »wie das Weltall« drehte, wie wir bereits hervorgehoben haben. Hier fanden die Mahlzeiten nach der Zeremonie des Triclinium statt.

Dieser ersten großen Gliederung des Gesamtplans der Alhambra sind die salomonischen Komponenten hinzuzufügen, die Ibn Gabirol in seinen Gedichten hervorhebt. Er spricht darin von dem Löwenbrunnen als einer Nachbildung des Ehernen Meers und spielt auf den Baldachin von Salomons Thron an. Der König von Israel galt als großer Prophet, was dazu führte, dass in der überaus reichen Literatur – und Mythentradition, die sich von der Spätantike bis zum Mittelalter um seine Person bildete, immer wieder auf die enge Verbindung zwischen dem kosmischen Thron mit seinem wie der Himmel kreisenden Baldachin und die Vorhersage durch das Horoskop bzw. die Zukunftsdeutung durch die Astrologie hingewiesen wurde.

Diese Parallelen zeigen uns nachdrücklich, welch wichtige Funktion die himmlischen Symbole und kosmologischen Mechanismen hatten. Alle diese Elemente verleihen den Palastanlagen eine völlig neue Bedeutung: Die Alhambra war demnach nicht nur Rahmen eines höfischen Rituals, sondern auch der Ort, an dem der Souverän die Sterne befragte und die Zukunft deutete – eine Funktion aus der er seine Legitimität ableitete.

Diese Beziehungen zu dem großen Erbauer des Tempels von Jerusalem haben in der Alhambra aber vielleicht noch andere Implikationen. Mir ist durchaus bewusst, dass bestimmten Räumlichkeiten des Palastes bisher noch keine präzise Funktion zugewiesen werden konnte. So bleibt die Bestimmung der Kuppelsäle, die sich im Norden und Süden an den Löwenhof anschließen, unklar. Wenn aber nun die salomonischen Einflüsse sowohl im Löwenbrunnen wie im Thronbaldachin zum Ausdruck kommen, ist doch nicht auszuschließen, dass der Nasriden-Palast auch in anderen Punkten mit den Schöpfungen des hebräischen Königs und insbesondere mit seinem Palast übereinstimmt. Es ist in der Tat nicht recht einzusehen, warum nur zwei »dekorative« Elemente des gesamten Bauwerks salomonisch geprägt sein sollten.

Diese Hypothese zwingt uns zu einer Neubewertung der beiden Säle, die sich im Norden und Süden des Löwenhofs befinden – des Saales der Zwei Schwestern und des Saales der Abencerragen –, deren Bezeichnungen ja noch überhaupt nichts aussagen über ihre ursprüngliche Funktion.

Aus den Chroniken der Renaissance wissen wir, dass Karl V. immer wieder zu langen Besuchen nach Granada kam, insbesondere in Gesellschaft seiner Frau, Isabella von Portugal. Während seiner Aufenthalte ab 1526 – der Epoche des Baubeginns seines von Machuca entworfenen Palastes – pflegte der Kaiser mit seinen Gästen im Saal der Zwei Schwestern zu speisen. Seit dem Auszug der Mauren waren nur 34 Jahre verstrichen, und aller Wahrscheinlichkeit nach behielt Karl V. die am maurischen Hof etablierten Sitten und Gebräuche bei, deren sich die Morisken, die das »ancien régime« noch erlebt hatten, gut erinnerten.

Der Saal der Zwei Schwestern spielte also im Löwenhof-Komplex eine ähnliche Rolle wieder Cenatio-Saal in den römischen Herrscherresidenzen innerhalb der privaten Domus des Kaisers. Die Sultane empfingen dort »im kleinen Kreis« – von daher die relativ begrenzten Dimensionen der Räume. Doch der Reichtum des Fayencedekors und der Stalaktiten dieses außergewöhnlichen Rahmens lässt eigentlich keinen Zweifel an der hohen zeremoniellen Bedeutung, die sich mit ihm verband. Dieser prunkvolle Charakter wurde noch durch ein Wasserbecken mit Springstrahl erhöht, das sich in der Mitte des Raumes befindet. Bedenkt man, dass dieser Brunnen durch offene Kanäle mit den Fontänen der in den Löwenhof vorspringenden Kioske wie auch mit dem Brunnen, der den Saal der Abencerragen schmückt, in Verbindung steht und dass diese vier Wasserquellen auf den Achsen des Achsenkreuzes liegen, deren Zentrum der Löwenbrunnen bildet, dann wird man zugeben müssen, dass es sich offensichtlich um einen besonders privilegierten Ort handelt. Nicht weniger prächtig und bedeutend war der Saal der Abencerragen, der ebenfalls eine Stalaktitenkuppel und Sockelleisten mit Fayencedekor besitzt.

Um den Bedeutungsgehalt dieser beiden Säle innerhalb des Bauplans zu verstehen, muss man die Angaben, die das l. Buch der Könige in der Bibel über den Palast Salomons macht, unbedingt in Betracht ziehen. Was sagt die Bibel - die uns hier nur eine Art Randnotiz zum
Tempelbau bietet – über dieses Thema?

 

Der Palast Salomons

Die wesentlichen Hinweise auf die Palastgebäude, die das Tempelheiligtum flankieren, lauten folgendermaßen:

Aber an seinem Hause bauete Salomon dreizehn Jahre, dass er's ganz ausbaute. Nämlich er baute das Haus vom Wald Libanon, hundert Ellen lang, fünfzig Ellen weit und dreißig Ellen hoch. Auf vier Reihen von zedernen Säulen legte er den Boden von zedernen Balken. [...] Er baute auch eine Halle von Säulen, fünfzig Ellen lang und dreißig Ellen breit; und noch eine Halle vor diese mit Säulen und einem Aufgang davor. Und baute auch eine Halle zum Richtstuhl, darin man Gericht hielt. [...] Dazu sein Haus, darinnen er wohnte, im Hinterhof, hinten an der Halle, gemacht wie die anderen; und machte auch ein Haus, wie die Halle, der Tochter Pharaos, die Salomo zum Weibe genommen hatte (1. Könige 7,1-9).

Anhand dieser Textstelle haben Archäologen und Historiker, Künstler und Architekten zahlreiche Theorien ausgearbeitet, die jedoch wegen der Unschärfe der Heiligen Schrift häufig sehr widersprüchlich waren. Wer diesen Text aus dem 1. Buch der Könige analysieren will, steht vor einer ziemlich schwierigen Aufgabe: Tatsächlich handelt es sich nämlich um die gedrängte Zusammenfassung einer vorausgehenden Beschreibung, welcher der Kompilator und Chronist nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt hat, da er weit mehr mit dem Tempel selbst beschäftigt war. So hat er nur gewisse Schlüsselbegriffe übernommen, ohne sich die Mühe zu machen, die diversen materiellen Angaben im Text zu erklären. Was lässt sich daraus schließen?

Nach dieser sehr elliptischen Schilderung enthielt der Palast Salomons zwei Höfe. Es gab dort einen Thronsaal und eine Säulenhalle, eine Galerie bzw. einen Portikus, das so genannte Haus vom Wald Libanon, ein Haus des Herrschers im privaten Teil, und – nach dem gleichen Vorbild – ein Haus der Tochter Pharaos, das heißt für die königliche Gattin.

Eine solche Aufteilung lässt sich anscheinend auch – mit den nötigen Einschränkungen – auf die Palastanlage in der Alhambra anwenden. Wie sehen die Übereinstimmungen zwischen dem im 1. Buch der Könige beschriebenen Bauwerk und den in Granada errichteten Palastbauten aus?

Die Existenz zweier Höfe, die aus der Wendung »im Hinterhof, hinten an der Halle, gemacht wie die anderen« hervorgeht, erfordert keinen weiteren Kommentar: Es handelt sich hier eindeutig um den Diwân-i Khas bzw. den Diwân-i Am. Die Galerie bzw. der als »vom Wald Libanon« apostrophierte Portikus haben ihre Entsprechung in der Alhambra wohl in den umlaufenden Arkaden des Löwenhofs, die nach Art eines Kreuzgangs gestaltet sind. Sie zeigen in der Tat einen Wald zierlicher Säulen, der um die beiden axialen Pavillons herum besonders dicht erscheint. Der Begriff »Galerie« erinnert zudem an den um den Tempel herumgeführten Säulengang.

Es gibt auch einen Thronsaal, ähnlich dem Saal der Gesandten im Comares-Turm am Ende des Myrtenhofes. Doch der Text, dem man nur schwer folgen kann, behauptet, dass Salomon dort Recht sprach und dass er Saal des Gerichts genannt wurde. Wahrscheinlich liegt hier der Eingriff eines abkürzenden Kompilators vor, der zwei verschiedene Säle zu einer Einheit zusammen fasste: Wir sollten besser zwischen Thronsaal und Saal des Gerichts unterscheiden und im letzteren die Säulenhalle erkennen, die zuvor in der Bibel – dort allerdings ohne Angabe einer Funktion – erwähnt wird. Dieser Saal wäre dann das Äquivalent des Saales der Rechtsprechung (bzw. der Könige) an der Ostseite des Löwenhofs, wo der König normalerweise Recht sprach.

In diesem Hof der »privaten Audienzen« ist das Domizil des Souveräns anzusiedeln, mit anderen Worten: sein Cenatio. Wir haben gesehen, dass dieser Speisesaal dem Saal der Zwei Schwestern entspricht. Nach dem gleichen Muster ist das Haus der Tochter des Pharao nichts anderes als der Saal der Abencerragen. Er ist kleiner dimensioniert, um der Hierarchie zwischen König und Königin gebührenden Ausdruck zu verleihen.

Die frappierende Analogie zwischen den beiden überkuppelten Sälen, die auf der Nord-Süd-Achse angelegt wurden, erinnert natürlich sofort an die Worte »er machte auch ein Haus, wie die Halle, der Tochter Pharaos« (also nach dem gleichen Vorbild), die sich im Buch der Könige auf die Architektur der beiden privaten Wohntrakte beziehen.

Der Saal der Abencerragen, der somit der Wohnung der Tochter des Pharao entspricht, enthält außerdem zwei seitliche Alkoven, die – zumindest auf der symbolischen Ebene – eine ganz bestimmte Nebenbedeutung als Lager der Könige, als Ort der Vermählung des Herrscherpaares besitzen. Selbst wenn der Sultan und seine Favoritin hier nicht Tag für Tag, Nacht für Nacht miteinander verbrachten, so kam dem Ort, der die Gemächer der Königin enthielt, doch eine besondere Bedeutung zu, die mit der Dynastie und der Genealogie des Herrschers zusammenhing. Die Wichtigkeit dieses Themas bei den Juden wie bei den Arabern ist wohlbekannt.

Wir sehen also, dass der Alhambra-Palast einen Versuch darstellt, den mutmaßlichen Bauplan des Palastes Salomons genau zu reproduzieren. Aus dem Respekt vor dem hebräischen Text, den die Leute der Schrift verehren, erklärt sich ein architektonisches Unterfangen, das den von Ibn Gabirol hervorgehobenen Bau des jüdischen Wesirs Yehoseph Ibn Naghralla weiterentwickelte. Der an Salomons Königsresidenz orientierte Palast, der im n. Jahrhundert unter der Regierung von Badis, König von Granada aus der Dynastie der Ziriden, erbaut wurde, scheint das Vorbild gewesen zu sein, das in der späteren Alhambra der Nasriden aufgegriffen wurde. Wenn diese nicht zögerten, das Prinzip – und sogar die Skulpturen – des Löwenbrunnens nach dem Vorbild des Ehernen Meeres zu übernehmen, warum sollte dann überraschen, wenn sie den Kern des Bauplans der ersten Alhambra beibehalten hätten? Salomon verschmilzt hier mit Shelomo und Soliman zu einer prophetischen und allwissenden Einheit. Die nasridische Alhambra ist ein Palast der Weisheit und der Erkenntnis, und ihre Reminiszenzen an die gemeinsame Tradition des Wissens machen sie – semiotisch gesprochen – nur umso reicher.

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