Aus dem Text

Amina Okada und Suzanne Held

Rajasthan


Im Schatten der großen Mogulkaiser

»Sie sind vor allen anderen Dingen auf einen kleinen Turm mit Blick über den Fluß stolz, da er nach ihren Worten mit goldenen Platten bedeckt ist wie die beiden in Agra befindlichen, während das Innere ganz in Gold und Azurblau mit schönen und reichen Malereien und Spiegeln erglänzt.«

»Man braucht mindestens zehn Kachwaha, um einen Rathor aufzuwiegen« behauptet ein altes Sprichwort in Rajasthan. Tatsächlich fehlte es den Kachwaha nach Aussage ihrer rajputischen Brüder stark an jenem Stolz und jener Tapferkeit, die den Ruhm der Helden von Chittor und der Nacheiferer des großen Pratap Singh ausmachten. Ihre Erbfeinde, die Rathor-Rajputen, behaupteten nicht ohne Geringschätzung, daß ihr Name sich von kusha ableitete (der Sanskrit-Name für eine Grasart) und nicht vom Namen des Sohnes von Gott Rama – als dessen Abkömmlinge sie sich betrachteten – und daß ihre Schwerter keine schärfere Schneiden hätten als ein Grashalm. Dieser Sarkasmus hatte offensichtlich seinen Ursprung in der Allianz der Herrscher von Amber mit den großen Mogulkaisern, deren treueste Vasallen sie wurden, wobei ihre von den Rathor zu Unrecht verspotteten hitzigen und kampferprobten Truppen als Speerspitze der kaiserlichen Armeen dienten. Die Ironie des Schicksals wollte es, daß Raja Bihari Mal von Amber im Jahr 1562 Akbar als seinen Lehnsherrn akzeptierte und gleichzeitig seine Tochter dem Herrscher zur Frau gab, um den wiederholten Angriffen seines allzu mächtigen Nachbarn von Jodhpur, des Rathor Raja Maldeo, Einhalt zu gebieten. Damit leitete er übrigens eine kluge Heiratspolitik ein, die ganz im Sinne des Großmoguls war, der sich zunehmend mit den rajputischen Clans, seinen unerbittlichsten Gegnern, zu verbünden suchte.. Weil er sich auf diese Weise der imperialen Herrschaft unterworfen hatte, statt den Kampf gegen die mogulische Hegemonie zu suchen, galt der Hof von Amber seitdem in den Augen der stolzen Rajputen als jootha durbar - »Verräter-Hof« – eine Verhöhnung, die seine servile und vorschnelle Unterwerfung unter die mogulische Krone und seinen beklagenswerten Verrat der rajputischen Ideale der Unabhängigkeit vor aller Welt anprangern sollte. In der Tat war Raja Man Singh von Amber ein großer Freund des Kaisers Akbar, sogar dessen Ratgeber und kommandierender General seiner Armeen, den der Großmogul darüber hinaus zum Gouverneur von Kabul und der Provinzen Bihar und Bengalen machte. Und eben dieser Raja Man Singh hatte sich im Jahr 1576 in der berühmten Schlacht von Haldighat hervorgetan, indem er gegen den Helden von Mewar, Pratap Singh kämpfte, der wie er der illustren Sonnensippe der Suryavamshi entstammte . Trotz seines hartnäckigen Widerstands wurde Pratap Singh in Haldighat von Man Singh besiegt, doch prägte er mit seinem unbezähmbaren Heldentum auf ewig die Geschichte seines Volkes, denn er verkörperte seither in den Augen der Seinen, aber auch in den Augen seiner Feinde, den unerschütterlichen Stolz der rajputischen in Jahrhunderten heroischer Kämpfe gestählten rajputischen Seele. »Alles ist flüchtig auf dieser Erde; alle Länder und Reichtümer müssen vergehen, doch die Kraft eines großen Namen bleibt für immer bestehen. Pratap mußte sein Reich und seine Besitztümer verlassen, aber er hat sich nie gebeugt, und unter allen Fürsten Indiens hat er allein die Ehre seines Volkes bewahrt« – diese Worte über den edlen Pratap Singh sprach einer der Männer, die dem Kaiser Akbar nahestanden, einer der bedeutendsten Würdenträger am Mogulhof. Akbar selbst widmete dem Tapfersten der Sisodia, der fast fünfundzwanzig Jahre hindurch auch sein unerbittlichster Feind war, anläßlich seines Tod eine bewegte Hommage: »O Pratap, du hast deine Pferde ohne Brandzeichen gelassen, du hast dein Haupt hoch getragen und einen unbefleckten Namen besessen. Du warst stark genug, dein Werk zum Erfolg zu führen, wenn auch das Schicksal sich gegen dich wandte. Niemals hast du am Nauruz-Fest teilgenommen, niemals hast du in Gegenwart des Kaisers Wache gehalten. Dein Rang in dieser Welt ist hoch. Als Akbar von deinem Tod erfuhr, o Pratap, haben sich seine Augen getrübt und sein Hals zugeschnürt.«

[...] Tatsache ist, daß Kaiser Akbar gegenüber den Rajputen eine ziemlich ambivalente Politik betrieb, die abwechselnd aus militärischen Angriffen – wie den Überfällen, die den Fall von Chittor oder die Annexion von Ajmer bewirkten – und Bündnissen bestand, die sich auf Heiraten und Diplomatie stützten. Dem Großmogul, der die kriegerischen Fähigkeiten der Rajputen rückhaltlos bewunderte, lag es am Herzen, ihr Wohlwollen zu erwerben, sie für sich zu gewinnen, indem er sie mit echter Autonomie die Reiche regieren ließ, deren Lehnsherr er geworden war. Dabei ließ er sie an seiner Politik teilhaben und berief sie auf wichtige Posten innerhalb seiner Regierung und Armee. Von daher rührten die aufrichtige Wertschätzung der Tugenden eines stolzen und tapferen Volkes, und das pragmatische Interesse des Herrschers, der sich der Elitetruppen von Hindustan versichern wollte. Die Haltung Akbars bewegte sich im Rahmens einer ehrgeizigen Politik, die auf Toleranz und Duldung jeglicher Religion basierte. Sie war von dem Großmogul mit dem einzigen Zweck festgelegt worden, die Zuneigung der großen Mehrheit seiner hinduistischen Untertanen zu gewinnen. Und obschon die von Akbar mit der Tochter des Raja von Amber im Jahr 1562 geschlossene Verbindung zunächst die Empörung der anderen rajputischen Fürsten hervorgerufen hatte – angefangen bei dem kompromißlosen Pratap Singh, der Man Singh und die Seinen tadelte, daß sie ihre Töchter und Schwestern »den Türken« zur Frau gaben – folgten auf diese Entrüstung gleichwohl zahlreiche ähnliche Verbindungen, die alle dazu beitrugen, die Bande zwischen den rajputischen Clans und dem mogulischen Hof auf subtile Weise zu festigen. Der aus der Verbindung von Akbar mit der Tochter des Bihari Mal von Amber geborene Kaiser Jahangir – wie auch sein Sohn Shah Jahan, der ihm auf den Mogulthron folgte – mußte diese Politik der Bündnisse und des ehrenhaften Vasallentums zu seinem Vorteil fortsetzen , die sein Vater in bezug auf die Rajputen eingeführt hatte.

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