Aus dem Text

Maya – Die nachklassische Periode
 

Mercedes de la Garza
Die heiligen Mächte des mayanischen Universums im Postklassikum

Einführung

Die Kultur der Maya erfuhr zwischen 900 und 1000 n. Chr. große Veränderungen, die neben vielen anderen Faktoren – insbesondere wirtschaftlicher und politischer Natur – durch das Eindringen von Nahua-Volksgruppen in das Maya-Gebiet begünstigt wurden. Die Wissenschaftler haben dementsprechend die in dieser Epoche einsetzende und mit der Ankunft der Spanier zu Ende gehende Periode Postklassikum genannt. Damals trat ein deutlicher Wandel in der Gewichtung der vitalen Interessen ein. Der Handel sollte gegenüber der Astronomie, der Mathematik und der Geschichtsschreibung eine vorherrschende Rolle spielen, und viele der kulturellen Aktivitäten, die in der Periode des Klassikums im Zeichen tiefer Religiosität gestanden hatten, wurden verweltlicht. So veränderte sich spanischen Chronisten des 16. Jahrhunderts zufolge das sakrale Ritual des Ballspiels, das die Bewegung der als heilige Mächte geltenden Gestirne beeinflussen sollte, allmählich in eine profane Handlung.

Doch ungeachtet der Tatsache, daß Konquista und Kolonisierung tiefgreifende Umwälzungen bewirkten und das Maya-Territorium von einst in die heute unabhängigen Staaten Mexiko, Guatemala, Belize und Honduras aufgeteilt wurden, haben die Maya niemals ihre religiös geprägte Welt- und Lebensanschauung aufgegeben. Die Maya-Kultur der nachklassischen Periode basierte weiterhin auf der religiösen Vorstellung, daß das gesamte Universum seinen Ursprung und seine Existenz dem Wirken heiliger Mächte verdankt, die sich in verschiedenen Wesen der natürlichen Welt wie Gestirnen, Pflanzen und Tieren, in atmosphärischen Phänomenen und auch in einigen außgerwöhnlichen Männern manifestieren. Das Konzept der zyklischen Struktur der Zeit als Dynamismus des kosmischen Raums wurde ebenfalls beibehalten. Es liegen uns hinreichend Belege dafür vor, daß die kosmogonischen und kosmologischen Vorstellungen, das heißt die Ideen über den Ursprung und die Ordnung des Universums, die wir in den von den Maya selbst verfaßten Schriften aus der Kolonialzeit finden, in der klassischen Periode entstanden waren und im Postklassikum sowie während der Epoche der Kolonisierung fortwirkten. Sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein haben sie sich bewahrt, wenn auch mit formalen Abweichungen, die aus dem Kontakt der Eingeborenen mit der ihnen von den Spaniern aufgezwungenen westlichen Kultur resultierten.

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