Aus dem Text

Maya – Die klassische Periode
 

Mercedes de la Garza
Die heiligen Mächte des mayanischen Universums

Einführung

Alle kulturellen Leistungen der Maya beruhten auf einem religiösen Weltbild, demzufolge sie sich das ganze Universum heiligen Energien entsprungen und von ihnen durchdrungen dachten. Diese Kräfte manifestierten sich auf vielfältige Weise und in verschiedenen Wesen der Natur und bestimmten die Ereignisse nach der kosmischen Ordnung der Zeit. Übernatürliche Wesen hatten den Kosmos mit einer genau definierten Absicht geschaffen: der Erhaltung ihrer eigenen Existenz. Die Verantwortung für ihr Wohlergehen trug ein Geschöpf: der Mensch, der daher Motor und Erhalter des Kosmos war. Ausgehend von dieser Sicht machte das Volk der Maya die rituelle Handlung zum Mittelpunkt seines Lebens.

Die Maya drückten ihre religiöse Vorstellungswelt in all ihren Kulturschöpfungen aus, unter denen sich besonders ihre Städte, ihre meist mit Inschriften versehenen Skulpturen, ihre Codices und ihre Mythen und Legenden hervorheben. Um die Identität ihres Volkes gegenüber der eindringenden westeuropäischen Kultur zu bewahren, zeichneten einige gebildete Yucatán-Maya nach der spanischen Eroberung die heiligen Erzählungen während der Kolonialzeit in lateinischer Schrift auf. Wie bei jedem anderen religiösen Volk berichten diese Mythen aus prähispanischer Zeit nicht nur von der Schöpfung der Welt, sondern analysieren auch Wesen und Verhaltensweise der Geschöpfe und ihrer Beziehungen zueinander. Gleichzeitig erzählen die kolonialzeitlichen Bücher von der Wanderung der frühen Maya-Vorfahren, der Gründung ihrer Religion und Stammesordnung, denn die Mythen sind für die Maya keineswegs Fiktion, sondern gelebte und wahre Historie; sie sind ihre Wahrheit und Richtschnur ihres Handelns in der Lebenswelt, weil sie Wesen, Sinn und Ziel ihrer Existenz und ihren Platz im Kosmos erklären.

Deshalb haben die grundlegenden mayanischen Mythen über die Schöpfung und Struktur des Universums bei den Einheimischen bis heute überlebt. Die Mehrzahl der heutigen Volksgruppen hat ungeachtet der spanischen Eroberung die Schöpfungsmythen der prähispansichen Zeit fast unverändert so übernommen, wie sie von ihren eigenen mayanischen Vorfahren in der Kolonialzeit gesammelt wurden. Wenn also die Mythen in ihrem Wesenskern die spanische Herrschaft und die übrigen seit damals geschehenen Veränderungen überleben konnten, ist zu vermuten, daß sie aus der präklassischen Periode stammen. Und tatsächlich liegen anhand der materiellen Grabungsfunde genügend Indizien vor, die uns, wenn schon nicht den Ursprung, so doch das Alter der von den Maya-Schreibern der Kolonialzeit festgehaltenen religiösen Vorstellungen offenbaren; darüber hinaus helfen sie uns, deren Bedeutung zu erhellen und zu begreifen.

Die kosmische Vorstellung der Maya von Raum und Zeit

Die Maya zeichnen sich vor allen alten Kulturen durch ihre höchst originellen Vorstellungen von Zeit und Raum aus, wenngleich sie in verschiedenen Aspekten mit den Ideen anderer antiker Völker im Einklang stehen; so begreifen sie zum Beispiel die Zeit als fortschreitende Bewegung wie die orientalischen Völker, sehen die Struktur der Zeit als zyklisch wiederkehrenden Ablauf wie die Hindus und Chinesen und glauben, daß die zeitliche Struktur des Universums abwechselt zwischen Perioden des Chaos und des Stillstands.

Wie viele religiösen Traditionen steht das mayanische Weltmodell grundsätzlich mit der Sonne und dem Himmel in Zusammenhang; den Weg der Sonne begreift man als deren Kreisen um die Erde, von dem die Veränderungen des kosmischen Raums bestimmt werden, weshalb die Zeit als zyklische Bewegung gilt. So ist der Zeitbegriff für die Maya keine abstrakte Vorstellung, sondern der offensichtliche und ewige Dynamismus des kosmischen Raums, der den Wesen vielfältige und manchmal gegensätzliche Eigenschaften verleiht. Und diese Bewegung, wie sie sich in der regelmäßigen Struktur der Natur und des menschlichen Lebens manifestiert, ist geordnet und stabil. So sehen die Maya wie viele andere Völker die Zeit als gleichbedeutend mit Ordnung und die Zeitlosigkeit als gleichbedeutend mit Chaos an.

Die Vorstellungen der Maya über Zeit und Raum finden sich in all ihren Glaubensinhalten, kulturellen und astronomischen Schöpfungen, in ihren kosmogonischen (vom Ursprung des Kosmos) und kosmologischen Mythen (von der Struktur des Kosmos).

Im folgenden möchte ich lediglich die Vorstellungen der Maya von Zeit und Raum in Kosmogonie und Kosmologie nachzeichnen, doch nicht, ohne zuvor zu betonen, daß ihre Kenntnisse in Mathematik, Astronomie und kalendarische Zeitrechnung zweifellos die fortschrittlichsten aller alten Kulturen waren. So mag der Hinweis genügen, daß sie zu den ersten gehörten, die ein Positionssystem der Zahlen sowie den Zahlbegriff Null erfanden, und daß ihr Sonnenkalender der genaueste ist, der je geschaffen wurde, denn er irrt sich in bezug auf die tatsächliche Dauer des tropische Sonnenjahrs nur um 17,28 Sekunden.

Dabei muß betont werden, daß die mathematischen, astronomischen und kalendarischen Kenntnisse der Maya nach unserem konventionellen Wissenschafts-Begriff zwar als »objektive Wissenschaft« gelten können, doch aus der Sicht ihrer Schöpfer ein Weg sind, sich mit dem Heiligen zu verbinden. Denn die Gestirne und das eigene Schicksal sind Aspekte göttlicher Kräfte, unter deren Einfluß die Welt und die Menschen stehen, und diese Kenntnisse haben den Zweck, den Menschen zu schützen, ihm helfen, auf Erden zu überleben und seine Zukunft zu antizipieren – darum sind sie Teil der Religion. Die in jedem einzelnen Zeitraum erzeugten heiligen Kräfte wirken sich wohltätig oder nachteilig auf den Menschen aus; doch der Mensch ist den Göttern nicht passiv ausgeliefert, denn da ihre Bewegung zyklisch ist und er das in der Vergangenheit Geschehene kennt, kann er auch um das Kommende wissen und die Art und Weise suchen, in der er dieses Schicksal verbessern kann. So implizieren die »wissenschaftlichen« Errungenschaften eine kreative und freie Haltung gegenüber den Göttern, deren Dreh- und Angelpunkt die Sorge um das menschliche Schicksal ist.

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