Aus dem Text

Marc Scheps (Hrsg.)

Lateinamerikanische Kunst im 20. Jahrhundert
 

Dore Ashton
Lateinamerika und der Surrealismus
 

[…] Bekanntlich besagte eine der Maximen des Surrealismus, dass der Traum ein Quell des wahren Denkens sei. Breton schrieb in seinem ersten Surrealistischen Manifest: »Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die übergeordnete Wirklichkeit bestimmter, bis heute vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allgewalt des Traums, an das absichtsfreie Spiel des Gedankens.«

Das erklärte Ziel der Surrealisten bestand darin, Traum und Realität, jene beiden scheinbar gegensätzlichen Zustände, auf einer Ebene zu verbinden. Es ist daher kein Wunder, dass die surrealistischen Tendenzen vielen lateinamerikanischen Intellektuellen kongenial erschienen. In der gesamten Geschichte der spanischen Literatur haben Träume schon immer eine besondere Rolle gespielt: von Calderóns besagtem Theaterstück, das den wunderbaren Satz enthält:

»La Vida es Sueño y los Sueños Sueños son« (Denn ein Traum ist alles Sein, und die Träume selbst sind Traum) bis zu den Gedichten Francisco Quevedos, die der große kubanische Schriftsteller Jose Lezama Lima »Träume des Dunkels und der Leere« nannte und mit Goyas Alterswerk verglich. Und Goya selbst, der sagte »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«, konnte dem Drang nicht widerstehen, die Dämonen, von denen er zu nächtlicher Stunde heimgesucht wurde, wiederzugeben. Hierin zeigt er sich als Vorläufer Picassos, der sich in verschiedenen Phasen seines Lebens der Traumwelt und manchmal schwarzen Visionen hingab.

Die Serie seiner beißenden Radierungen, mit denen er Franco anzuklagen suchte, nannte er Traum und Lüge Francos. Für die surrealistische Bewegung zwischen den Kriegen war Paris der zentrale Umschlagplatz. Andre Breton fungierte unermüdlich als ihr Theoretiker, Dirigent und Impulsgeber. So stieß zum Beispiel der junge Octavio Paz zufällig auf einige Seiten von Bretons 1937 veröffentlichtem Roman L'Amour fou. Auszüge aus dem Roman waren schon 1936 in der in Buenos Aires herausgegebenen Zeitschrift Sur erschienen. Dieser Teil, in dem Breton seinen Aufstieg zum Gipfel des Vulkans Pico de Teido auf Teneriffa beschreibt, las Octavio Paz »fast gleichzeitig mit Blakes The Marriage of Heaven and Hell – er öffnete mir das Tor zur modernen Dichtung«. Paz wurde zu einem der eloquentesten Kommentatoren des Surrealismus, insbesondere in Südamerika.

Es war während der zweiten großen Phase der surrealistischen Bewegung in den dreißiger Jahren, als die Einflüsse dieser Strömung in der Kunst Lateinamerikas sichtbar wurden. Vom Ende der zwanziger Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden die meisten Künstler und Intellektuellen Europas von einer geistigen Depression erfasst. Ein Schatten legte sich auf die Gemüter und offenbarte sich auch in politischen Kontroversen und heftigen Meinungsverschiedenheiten im Kreis der Surrealisten, verdichtete sich bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieg zu dunklen Vorahnungen. Die zunehmende innere Unruhe spornte die Surrealisten an, verstärkt mit der Außenwelt in Kontakt zu treten und sich Gehör zu erschaffen.

[…]Die Anwesenheit der Surrealisten in Südamerika übte einen großen Einfluss auf Malerei und Dichtkunst aus, umgekehrt aber wirkten auch die südamerikanischen Einflüsse aufgrund einer besonders glücklichen historischen Konstellation befruchtend. Maler, die es geschafft haben, nach Paris zu gelangen, waren im Kreis der Surrealisten durch die Experimente mit der freien Assoziation kühner geworden - eine Methode, bei der es um ein tiefes Eintauchen in das Unbewusste ging und »psychischer Automatismus« genannt wurde. Einige Künstler, die
aus Ländern wie Brasilien, Peru und Mexiko stammten, in denen noch viele Indios lebten, die im Sinne Artauds sich eine vitale Beziehung zur Natur bewahrt hatten, wurden durch das in Paris wachsende Interesse zum Studium der Mythen und des Brauchtums der Stämme angeregt.

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